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Die bunte Vielfalt der Schwarz-Weiß-Fotografie

DIE BUNTE VIELFALT DER

SCHWARZ-WEISS-FOTOGRAFIE

 

„Schwarz-Weiß-Fotografie ist was für Einfaltspinsel“


Manchmal bilde ich mir ein, das manch einer diesen Gedanken hat, wenn ich ihm davon erzähle, das ich ausschließlich in Schwarz-Weiß fotografiere. Nun sind Gedanken frei und grundsätzlich halte ich die Aussage in einem gewissen Sinne sogar für richtig, wenn ich nicht wüsste, dass die Fotografie in Schwarz-Weiß in Ihrer Ausdrucksform sehr viel abwechslungsreicher ist, als man auf dem ersten Blick vermuten würde. Seit nunmehr fast drei Jahren arbeite ich bei meinen freien Projekten ausschließlich in Schwarz-Weiß und mache mir hin und wieder darüber Gedanken, wieso ich eigentlich kaum noch in Farben denken kann. Deswegen würde ich heute mal die Frage klären, was die Schwarz-Weiß-Fotografie mit uns macht, woher der immer wieder kehrende Enthusiasmus kommt und versuche dabei auch ein wenig in die Tiefe zu gehen. Ich habe da ein paar Thesen aufgestellt, die sich nicht nur auf meine eigenen Ansichten stützt, sondern auch dem ein oder anderen persönlichen Gespräch mit Modellen und Fotografen, sowie einer Umfrage, die ich letzte Woche auf Instagram gestellt hatte.

 

( Mia | April 19 )

 „Wenn Du Menschen fotografierst, dann fotografierst Du Ihre Kleidung, wenn Du sie in Schwarz-Weiß fotografierst, dann fotografierst Du Ihre Seelen“.

 

Diese Aussage des Fotojournalisten Ted Grant ist wohl das bekannteste Zitat über die Schwarz-Weiß-Fotografie; und sie bringt es gleich auf den Punkt. Denn tatsächlich ist es so, das durch das Fehlen der Farben der Betrachter direkt mit dem augenscheinlichen konfrontiert wird. Nichts lenkt ab, das wesentliche wird deutlicher und wie aus der Sicht eines Neugeborenen nehmen wir die Bildinformationen anhand von Formen und Kontrasten wahr. Bei der Umfrage auf Instagram haben sogar 90 % der Teilnehmer/innen fast übereinstimmend so geantwortet, das Ihre Faszination daher eingeht, das bei Schwarz-Weiß-Bildern auf das wesentliche reduziert wird. Das ist auch vollkommen richtig. Durch diese Reduktion erfahren wir eine intensivere Bindung zum Inhalt des Bildes.

 

(Pasquale | Apr 19)

 

Wagt man einen Zeitsprung zurück in die Vergangenheit, dann wird einem schnell klar, das Fotografieren in Schwarz-Weiß allgemein als Fotografie galt. Es gab schließlich keine Alternativen. Dabei muss man wissen, das noch vor einigen Jahren mit einem aufwändigen Prozess über ein optisches Verfahren ein Lichtbild auf ein lichtempfindliches Medium projiziert werden musste. Zur Entstehungszeit der Fotografie im 19. Jahrhundert waren das Glas- oder Kupferplatten, später dann Zelluloid, oder wie man immer gern sagte „auf Film″. Nicht selten löst dieses Hintergrundwissen ein nostalgisches Gefühl in uns aus. Tauche ich noch weiter in die Materie ein, ist es meiner Meinung nach nicht ganz verkehrt, das wir dabei möglicherweise unbewusst von den alten Fotografien unserer Großeltern beeinflusst sind, durch deren Fotoalben wir als Kinder blätterten. Somit kann es gut sein das unsere ersten Erfahrungen mit Vergangenem dadurch impliziert worden sind.

 

(Miss Diversity | Aug 16, analoge Aufnahme)

 

Übrigens gibt es auch heute noch, der digitalen Fotografie zum Trotz einige Anhänger der heute betitelten „analogen″ Fotografie. Diese fotografieren in den meisten Fällen in schwarz-weiß, was demnach auch für eine gewisse Zeitlosigkeit spricht. Sie unterliegt keiner Mode, sie war ja schließlich immer da und hat all die Jahre überdauert. Ein Schwarz-Weiß-Bild verliert auch nach Jahren nur selten an Wert und Aussage und erhält dadurch eine gewisse Nachhaltigkeit. Und schaut man sich die bekanntesten Fotografien der Geschichte an, sind die meisten davon Schwarz-Weiß-Bilder. Selbst die berühmtesten Fotografen, egal ob sie im künstlerischen oder journalistischen Bereich arbeiten, entscheiden sich für die farblosere Variante, getreu dem Motto:

 

„Farbe ist abbilden, Schwarz-Weiß ist Kunst″.

(U-Bahn-Station Düsseldorf | April 19)

 

Sei es aber künstliche oder journalistische Fotografie, in allen beiden Bereichen schafft sich die Schwarz-Weiß-Fotografie eine eigene abstrakte Ästhetik, bei der vor allen Dingen in der Bildgestaltung ganz andere Ansprüche an einem Fotografen gesetzt werden. Farbe wird durch Formen und Kontraste ersetzt. Reales kann durch Perspektive, Bildgestaltung und der Lichtsetzung surreal wirken. Besonders in der Pionier-Zeit des Films wurde in vielen frühen Werken des Expressionismus auf beeindruckende Weise damit gearbeitet. Besonders hervorheben kann man wohl einen der bedeutendsten Filme der damaligen Zeit „Metropolis″ von Fritz Lang, den selbst der bekannte Fotograf Peter Lindbergh als seine Inspiration nennt. Am Rande sei erwähnt, das man in den achtziger Jahren den Film mit einer nachkolorierten und zeitgemäßen Musik unterlegte und erneut in die Kinos brachte. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass die Zugabe von Farbe dem Film nicht besonders guttat.

 

(Hyat-Hotel, Düsseldorf | Apr 19)

 

Ich persönlich liebe es mir Schwarz-Weiß-Filme an verregneten Tagen anzuschauen, wenn draußen alles Grau in Grau ist. Dabei liegt oft ein Hauch von Melancholie in der Luft. Da ich sehr gern im sinnlichen Bereich arbeite, kommt mir diese Stimmung in der Fotografie besonders zugute. Durch das Auslassen der Farben werden Emotionen deutlich besser transportiert. Dies kommt meiner Interpretation von sinnlicher Fotografie dann auch am nächsten, denn für mich liegt die Bedeutung darin das die Sinne des Betrachters angesprochen werden sollen. Und dabei ist es schon wirklich erstaunlich wie viele verschiedene Anschauungen es auf ein und dasselbe Bild geben kann.

 

(Corinna | Mar 19)

 

Zusammenfassend ist Schwarz-Weiß-Fotografie also ganz viel und dennoch nicht mehr als einfach nur Klarheit. Sie täuscht uns nicht und kann mit einem aufgeschlossenem Blick all Ihre schönen Geheimnisse vor uns offenbaren. Sie ist losgelöst von Zeit und manchmal auch von Raum und bezieht daraus Ihren Charme. Sie ist unaufgeregt und löst dadurch mal bewusst, mal unbewusst Emotionen in uns aus. Für mich persönlich ist die Schwarz-Weiß-Fotografie ein Bekennen zur Einfältigkeit. Das ist aber nicht im negativen Sinne gemeint, sondern betrifft hauptsächlich die Einfachheit des Denkens. Nur so ist für mich die anhaltende Faszination der monochromen Fotografie zu erklären. Sie ist zwar einfach und gleichermaßen auch mal schwer zu verstehen, aber sie hat selbst in der Vergangenheit nach Einführung der Farbfilme bis ins heutige digitale Zeitalter alle Höhen und Tiefen durchlebt und sich dabei immer wieder neu erfunden. In dieser Hinsicht bin ich tatsächlich sehr gern der von mir selbst eingebildete „Einfaltspinsel″ von dem ich anfangs geschrieben hatte. Und mit Recht möchte ich behaupten das diese Einfalt in der heutigen Zeit, wo alles im Überfluss vorhanden ist und uns schwierig vorkommt, als  ein echter Segen erscheint. Die Schwarz-Weiß-Fotografie leistet mir dabei große Dienste, da sie in Ihrer Schlichtheit und Unaufdringlichkeit den Zweck erfüllt dies in mir angemessener Weise zum Ausdruck zu bringen.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Oliver Rindelaub (Montag, 22 April 2019 18:43)

    Hallo Dirk,
    ein sehr schöner Blogeintrag!

    Alles sehr gute Argumente, in Schwarz-weiß zu fotografieren. Wenn ich bewusst reduzieren will, ist Schwarz-weiß ein wunderbares Stilmittel, die wesentliche Bildaussage herauszuarbeiten. Was ist aber, wenn ich dem Betrachter des Bildes eine Vielfalt zeigen, Nuancen ausbreiten, per Symbolik der Farben bestimmte Stimmungen vermitteln will?

    Daher mache ich mal die Gegenposition auf. Warum ich (auch) in Farbe fotografiere

    Überleg Dir mal:
    - Welche Farbe(n) hat ein Kaminfeuer?
    - Welche Farbe(n) hat der Sonnenuntergang?
    - Welche Farbe(n) hat die Kälte?
    - Welche Farbe(n) hat die Liebe?

    Und nun das Gleiche nochmal in Schwarz.-weiß:
    - Welche Grautöne hat ein Kaminfeuer?
    - Welche Grautöne hat der Sonnenuntergang?
    - Welche Grautöne hat die Kälte?
    - Welche Grautöne hat die Liebe?

    Wenn ein (Foto-) Künstler seine Darstellungsmöglichkeiten bewusst auf Schwarz-weiß reduziert, finde ich das vollkommen in Ordnung. Es als die einzig wahre Art der Fotografie zu verkaufen (was Du nicht tust), fände ich allerdings etwas beschränkt. Ich jedenfalls will mir die Farbe als Option keinesfalls nehmen.
    Aber ich würde von allen Fotograf*innen erwarten, dass sie sich VOR der Aufnahme darüber Gedanken machen, ob das Endergebnis ein schwarz-weißes oder ein farbiges Bild sein soll. Fotografieren unterscheidet sich ja vom Knipsen dadurch, dass man vor dem Auslösen festlegt und weiß, was als Bild entsteht.

    LG, oLi